Gehorsam — blinder Gehorsam — anerzognerer Gehorsam

Es ist schwer zu trennen, zwischen Konditionierung und dem, was man als eigenen Willen bezeichnen kann. Wie nimmt man den eigenen Willen wahr? Welchen Anteil hat Bequemlichkeit? Wie wirkt sich das Hinterfragen von Gehorsam aus, wenn man bereits in der Falle sitzt? Diese und andere Fragen stellte ich mir beim Lesen des Vortrages von Prof. Dr. Arno Gruen „Die Konsequenzen des Gehorsams für die Entwicklung von Identität und Kreativität“

Wir haben unzählige Systeme, die darauf bauen, dass man sich einem Regelsystem anpasst. Hierbei erweist sich die Disziplinierung durch einen selbst wie auch durch Autoritätsbeschluß inkusive aller Sanktionsmittel als ein hochwirsames Instrument um das Funktionieren zu gewährleisten.

Ich habe mir sagen lassen, dass der Straßenverkehr in Südamerika auf weit aus weniger Regeln besteht und man bei Kreuzungen darauf vertraut, dass es sich schon irgendwie regelt. Auch gilt in Italien, wer am Zebrastreifen darauf wartet, dass man hinübergelassen wird, wartet ewig. Am italienischen Zebrastreifen muss man darauf vertrauen, dass der Autofahrer empathisch genug ist, in die Eisen zu steigen und für den passierenden Menschen zu bremsen.

In beiden Fällen wird im Vergleich zum deutschen Verkehrssystem festgestellt, dass es weniger Nerven kostet. Das feste Regelwerk, dessen Einhaltung im wesentlichen durch Autortät gewährleistet wird, schafft eine deutliche Entspannung und eine erlebbare Ruhe.

Arno Gruen stellt die Erziehung zum Gehorsam grundlegend in Frage. Er führt an, dass es auch anders geht und bringt als Beispiel in der Rede eine Mutter, die ihr Kind nur den ersten Schritt des Teilens lehrt, das Teilen selbst aber in der Entscheidung des Kindes lässt. Die Mutter teilt das Essen und gibt beide Teile dem Jungen ohne implizite oder explizite Anweisung, was nun damit zu tun ist und der kleine Junge sieht sich einer Schwester gegenüber, die bereits massiv das Essen eingefordert hatte und dem Umstand, dass das Ganze nun in zwei Hälften geteilt ist. Bei der Abschätzung was er will und welche Möglichkeiten er nun hat, entscheidet er sich für das Teilen. Sicherlich eine Wahl, die ihm weitere Auseinandersetzungen mit der Schwester erspart. Die Entscheidung geht gegen den längeren Genuß am Essen.

Auch mag das Gefangenendilemma eine Rolle in der Entscheidung gespielt haben.

Ich empfinde den Artikel grundsätzlich als lesenswert (trotz der augenkrebs-formatierung) … doch die totale Negierung von gehorsam kann ich nicht nachvollziehen. Ich kann noch nicht genau sagen wo der Denkfehler ist, wo die Wahrnehmung dessen was gehorsam bewirkt und wo die Grenze nun gezogen wird …

Hat nicht in dem Beispiel auch schon die Schwester eine Machtposition eingenommen und Brüderlein gehörcht um weitere qualen die durch die Schwester verursacht werden zu vermeiden?

  • In wie weit sind wir Opfer unserer Wahrnehmung?
  • In wie weit sind wir Opfer unserer autoritären Erziehung?

Gibt es antiautoritäre Erziehung überhaupt, nachdem auch ein Belohnungssystem nur ein autoritäres System mit anderen Vorzeichen ist …

Erstmals publiziert im Kognotiz 4. Dezember 2004