Terrorist — die neue Bezeichnung für vogelfrei

Der Mensch ist von höchster Würde, weil er eine Seele hat, die ausgezeichnet ist durch das Licht des Verstandes, durch die Fähigkeit, die Dinge zu beurteilen und sich frei zu entscheiden, und die sich in vielen Künsten auskennt.

Mit jener Aussage schuf Samuel Pufendorf 1672 die Grundlage der Menschenrechte.

Die Menschenrechte unterscheiden nicht zwischen Adel und Volk, nicht zwischen Bürger und Volk, nicht zwischen Rechtstreuen und Rechtsbrüchigen, sie erklären rechtlich betrachtet auch nicht den Mörder als Unmensch.

Es war eine große gesellschaftliche Errungenschaft in unserer soziologischen Evolutionsgeschichte. Und es ist mit der tatsächlichen Umsetzung durch die Grundgesetze noch keine 100 Jahre her. Schlappe 60 Lenze scheint es gebraucht zu haben, da wird diese Errungenschaft mit der Definition des Terroristen zu Nichte gemacht.

Wir erklären Menschen für vogelfrei!

Was bedeutet vogelfrei?

Als vogelfrei wurde bis in die frühe Neuzeit jemand bezeichnet, über den die Strafe der Acht verhängt worden war; im Heiligen Römischen Reich insbesondere die Reichsacht. Ein vogelfreier Mensch genoss keinen gesetzlichen Schutz seines Lebens, Eigentums oder sonstiger Rechte; er konnte von jedem anderen straffrei getötet, verletzt oder ausgeraubt werden.

Der Bezeichnung vogelfrei liegt die Vorstellung zugrunde, dass der solcherart Geächtete den Unbilden der Natur und insbesondere den Angriffen wilder Vögel ausgesetzt war. Ihm durfte keine Behausung gewährt werden, und im Todesfall wurde seine Leiche nicht bestattet, sondern den Vögeln zum Fraß überlassen.

Beispielsweise wurde Martin Luther 1521 vom Reichstag in Worms durch das Wormser Edikt für vogelfrei erklärt.

Quelle: Wikipedia zum Begriff „Vogelfreiheit“

Solange Menschen Menschen die Grundrechte absprechen können. Solange Menschen unterscheiden zwischen Bürgern und ihnen die einfachsten Rechte versagen, solange wird es die Vogelfreiheit geben. Solange werden wir uns primitive Barbaren nennen müssen.

Wie drückte es John Locke so schön aus:

Das hieße, die Menschen für so dumm zu halten, daß sie zwar zu verhüten suchen, was ihnen Marder oder Füchse antun könnten, aber glücklich sind, ja es für Sicherheit halten, von Löwen verschlungen zu werden.

Es genügt nicht, festzustellen, dass man selbst ein rechtstreuer Bürger in diesem Staate ist und damit man unter dem Schutz des Staates steht. Solange man einem Menschen durch ein Attribut außerhalb einer „allgemein“ gültigen Rechtsordnung stellen kann, exisitiert defakto die Vogelfreiheit. Prinzipiell kann jeder Mensch dieses Attribut erhalten und damit den Schutz des Staates verlieren. So war der Junge der in der Londoner U-bahn erschossen wurde kein Terrorist. Doch als er mit dem Attribut „Terrorist“ behaftet wurde, galten andere Rechte und die unmittelbare Bedrohung, in der englische Polizisten von der Waffe Gebrauch machen dürfen, war außer Kraft. In diesem Moment war er vogelfrei und durfte schon bei der kleinsten Abweichung vom erwarteten Verhalten erschossen werden. Er rannte, er hatte einen Rucksack und jemand hatte unabhängig davon Terroralarm gegeben.

Es zeigt wie leicht man seine Bürgerrechte verlieren kann. Ein anderer Mensch, der seine „Bürgerrechte“ und „Menschenrechte“ in Deutschland verlor, war das deutsche Entführungsopfer, das sich in amerikanischen Terrorlager den Folterknechten des Bush’schen „War on Terror“ ausgeliefert sah. Es genügte in jenem Falle einem Fahndungsfoto zu ähneln, um seine Rechte zu verlieren.

Wollen wir ernsthaft die Vogelfreiheit zurück in unser Rechtssystem?