Reinheitsgebot und Verständlichkeit: Pidgindeutsch

Ich habe sie wieder gehört. Die Bedenken. Wenn ich im Netz publiziere, will ich gesehen und gelesen werden.

Das ist so nicht ganz richtig. Jein. Ich will hier und da auch einfach nur Freunden was zeigen, die sonst wo auf dem Erdball leben und deutsch und englisch verstehen. Bzw. sich daran freuen, wenn sie ein neues englisches Wort lernen, weil ich es zufällig hier verwende. Es ist nicht sonderlich schwer im Internet eine Bedeutung nachzuschlagen: z.B. Pidgin

pidgin
pidgin: das Kauderwelsch (lt. Leo dictionary)
pidgin: Der Begriff Pidgin-Sprache (richtiger: nur „Pidgin“) bezeichnet eine reduzierte Sprachform (laut wikipedia)

(BTW. empfinde ich die Übersetzung Kauderwelsch[wikipedia]als diskimierend. Ich habe pidgin durch das linguistikstudium immer anders verstanden.)

Pidgindeutsch ist also liguistisch betrachtet etwas, das in unserer Kommunikation real existiert. Es ist so existent, wie die Traditionen eines sehr populären Pidgins: die Sprache in Chaträumen mit LOL, AFAIK, ASAP, IMHO, TNX, etc.

Warum aber Pidgin reduziert sein soll, ist angesichts des Ursprungs …

Demnach entwickelte sich aus business bigeon, was dann wiederum in pigeon mündete. Pidgin English war demnach ein Pidgin mit englischen, chinesischen und portugiesischen Bestandteilen, die im 18. und 19. Jahrhundert als Handelssprache in Kanton gebraucht wurde.

… mir nicht so klar, wird doch die Sprache mit Wörtern angereichert und diese Wörter erhalten eigene Bedeutungen, fließen teilweise in die Hochsprache ein. So wie es im Amerikanischen heute Angst, Hausfrauen, Kindergarten und viele andere deutsche Begriffe gibt, oder im Deutschen für das große weltumspannende digitale Netz das Wort Internet gebraucht wird.

Wenn ich PG (pietschie) höre, dann denke ich an England 1986, an die skurille Werbung des Tees mit den Affen und der Frau an der Supermarktkasse und an einen leckeren Tee, wie ich ihn in Deutschland nicht brühen kann, weil die Wasserqualität eine andere ist und die Teesorten der üblichen Anbieter in Deutschland den Tee schlapperiger wohl besser verkaufen … was weiß ich.

Ich habe ein gutes Verhältnis zur englischen Sprache. Es ist nicht meine Muttersprache. Einiges kann ich in Deutsch besser ausdrücken und ich fühle mich wohler, wenn ich deutsch schreibe. Das heißt aber nicht, dass ich nicht viele Wörter lieber aus der englischen Sprache verwende als aus der deutschen. Kürzer, sympatischer oder einfach nur im Augenblick des Beitrages präsenter.

Why not?“ „Who’s perfect?“ sind so Sprachfetzen, die mir schwerfallen, wenn ich diese ins Deutsche übertragen soll. „Watch it!“ ist knackiger als „Schau hin!“ bzw. „Beobachte es!“ was „Watch it!“ treffender übersetzt als „Schau hin“. „Beobachten“ hat für mich eine andere Qualität als „to watch„. „Watch it!“ ist dann auch „Aufgepasst!“. Aufgepasst hat für mich längst nicht soviel beobachten im Wortsinn wie „Watch it!„. Aufpassen hat für mich viel Warten und „bestimmten Augenblick herausselektieren“, „innere Anspannung“ … Es sind unterschiedliche Wortqualitäten. Die Vermischung der Sprachen empfinde ich als Berreicherung.

Viel zu viele haben jedoch ein Problem mit dem locker flockigen Umgang mit der Sprache und man gerät in einen Erklärungszwang. Anfeindungen bringen es mit sich, dass man sich genötigt fühlt sich zu verteidigen. Diesem Stress will ich mich an Stellen in denen ich die Rolle als distinguierte Person annehme nicht aussetzen. Hier aber bin ich privat und auch wenn dieser private Bereich öffentlich ist, so ist er so öffentlich wie der Trimmdichpfad, der Strand, das Straßencafé, die Straße vor der Wohnung oder der Garten hinterm Haus. Auch da trage ich Freizeitkleidung und keine Businessdress. Auch da haben die Jogginghosen beulen oder ein Sweatshirt Farb- und Obstflecke und sind die Bündchen ausgeleiert, die Farben ausgebleicht.

Nur weil dieser dritte Ort, der per Definition Freizeit und Privat im Label trägt, von anderen gesehen werden kann, heißt das nicht, dass ich mich hier nicht anders verhalten kann — freizeitlicher, privater, flippiger, legerer.

Mein Sprachausdruck gehört dazu. Er ist wie das Sweatshirt. Er ist bequem und ich nutze es gern. I like it, Punkt.